Der Russe am gegenüber liegenden Tisch ist eklig wie alle Dicken. Sein Freund ist schlank und hustet, als hätte er Tuberkulose. Sie trinken und rauchen – trinken, rauchen und lachen. Je länger, um so frecher werden sie. Selbst in einer Sprache, die du nicht verstehst, bleibt ein vulgärer Inhalt nicht verborgen. Sogar ein Kind würde verstehen. Die Schale der unbekannten Wörter verdeckt deren Sinn nicht.
Die Rothaarige steht auf und setzt sich dem Blassen auf den Schoss, der ihr die Zunge in den Mund steckt, um das Geheimnis eines bezahlten Kusses zu entdecken. Die Blonde – ein nichtssagendes Gesicht, seelenlose Augen – setzt sich anständig auf ihren Sessel, die Hand des Dicken um ihre Schulter gelegt.
Ich esse kleine Bissen von meinem Essen, Wolfsbarschfilet mit Proscutto und Kartoffelpüree mit Trüffeln und beobachte die zwei Frauen. Sie sehen aus, als würden sie sich amüsieren. Ich glaube ihnen nicht, weil es sich um gekaufte Escort-Mädchen handelt, die am Ende der Nacht mit den beiden Männern schlafen werden – in einer Nacht der Lüge und falschen Leidenschaft.
Ich gehe durch verschiedene Stadien hindurch, bevor ich zugebe, dass ich eifersüchtig bin. Auf die? Ja, auf diese Kunden. Eine einfache Vereinbarung führt zu einer Nacht voller Gelächter und Vergnügen, und am nächsten Tag kehren sie zurück zu ihrer Arbeit, ihren Kindern und zu ihren rechtmäßigen Ehefrauen.
Manchmal bin ich eifersüchtig auf die jenigen, die Ihr Leben mit Zynismus führen können, nackt von Gefühlen und Sehnsucht – während ich mich tief in mich eingeschlossen fühle, wie eine Flasche bereit zum überfließen.
Die Kellner sind jung und hübsch, von alter Facon wie alle Kellner in Wien. Sie tauschen in regelmäßigen Abständen unseren Aschenbecher aus, was mich nervt, weil ich mehr rauchen als essen will. Wir zahlen eine absurde Summe und gehen hinaus in die saubere, erleichtend kühle Luft.
Einige Meter weiter betraten wir eine Bar, die ein bisschen Milieu ist. Ein Wort, das auf unbestimmte Weise mit den Außenseiter unserer Gesellschaft zu tun hat. Die Musik ist eine Überraschung. Aus den Lautsprechern hört man „Downtown Train“ von Tom Waits. – Ja, hier werde ich wieder herkommen. – Es ist ein Lieblingslied, das mich an jemanden erinnert, dessen Gedanken mit meinen zu einer geistigen Übereinstimmung kamen – ab und zu. Immerhin!
Ich bestelle mein Getränk. „Ein Bananenliqeur ohne Eis, bitte.“ Soll ich mich etwa dafür genieren!
Mir gegenüber setzt sich ein Mann an die Bar, gut aussehend wie Daniel Day Lewis – gemeinsam mit jemandem, der ein Hawai-Hemd trägt und einen langen Zopf hat. Neben mir, F. Er trägt die schönste Herrenuhr, die ich in letzter Zeit sah: Bell & Ross. Er hat die Fähigkeit seine eigenen Sehnsüchte durch den Kauf teurer Uhren und Autos zu verleugnen. – „Gibt’s auch Modelle für Frauen?“ – Wahrscheinlich nicht.
Aus irgendeinem Grund, erinnert mich der Ort an das Kabarett „Renz“, wo ich vor Jahren hingegangen bin. Die Wände waren grün tapeziert mit plastisch hervortretenden Blümchen und Photographien von Wiener Pin-ups mit schwarzem Lidstrich und Bananenfrisuren. Eine Öffnung in der Wand hinter uns war von einem vergoldeten Rahmen eingefasst und mit einem plissierten Stoff verhängt. Hättest du den Stoff zur Seite geschoben, wäre dein Blick in einen dunklen Raum gefallen.
Ich blicke weiter um mich, immer etwas suchend und noch nicht wissend was. Immer diese Sehnsucht nach etwas, das ich gelebt oder nicht gelebt habe, ich weiß es nicht mehr. Nach etwas, das nicht geschehen wird, etwas, das geschehen könnte. (Schau mich an, damit ich dich anschau’ und so die Zeit verrinnt.) Alles verändert sich ständig, nur das bleibt das Selbe. Diese Hure, die Sehnsucht nach dem anderen, im ständigen Wandel mit einem Enthusiasmus, der, wenn du ihn nicht teilen kannst, seinen Wert verliert.
Sehnsucht, die du dir so eng anschnallst, dass du nicht mehr atmen kannst. Sehnsucht, immer kritisch und ironisch, um meine Schultern gelegt wie ein abgetragenes Kleidungsstück.
Die Gier, den Instinkt des Jägers, die Immunität gegen die Verdorbenheit, fallen und wieder aufstehen – all das lernst du. Aber den Zynismus, der dich verstehen lässt zu nehmen, was du willst, den hast du entweder, oder du hast ihn nicht. Und wenn du ihn nicht hast, wirst du zum Begleiter des Lebens, statt zum Kunden. Wie eine Frau, die nach der Arbeit nach Hause zurückkehrt und aufs Bett fällt, die Augen schließend im dunklen Zimmer voller Geister.
Übersetzung aus dem griechischen: Georg Traska